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„Raus aufs Land“ – Was ist da los?

Warum der Traum vom Landleben mehr ist als eine Pandemie-Erscheinung.

Neulich bin ich über die Dokuserie „Raus aufs Land“ gestolpert. Berlinerinnen und Berliner packen ihre Sachen und wagen den Sprung ins Ungewisse: raus aus der Stadt, hinein in die vermeintliche Idylle.

Corona, Homeoffice, Sehnsucht nach Natur – alles Gründe, die immer sofort genannt werden, wenn es die so genannte Stadtflucht geht. Aber ich habe mich gefragt: Ist das wirklich die ganze Wahrheit? Oder steckt da noch viel mehr dahinter?

Meinem Empfinden nach ist Stadtflucht nicht nur eine Reaktion auf eine Pandemie – ebenso wenig wie der Biedermeier einst nur Symbol für die Mode war, sich in privaten Salons miteinander über Literatur zu unterhalten. Vielmehr scheint Stadtflucht ein Symptom tieferer gesellschaftlicher Umbrüche zu sein, die auf alle westlichen Gesellschaften heutiger Zeit zutreffen.

Wie eine aktuelle Studie von Empirica Regio zeigt, zieht es immer mehr deutsche Großstadtbewohner ins Umland – besonders seit 2020. Aber: Gleichzeitig wachsen die Städte weiter: durch Zuwanderung, Internationalisierung, neue Chancen. Es scheint also tatsächlich nicht nur einfach ein „Weg von hier!“ zu sein, sondern eher ein Symptom des allgemeinen Wunsches nach: „Ich suche etwas anderes!

Als ich mich selbst fragte, was mich an der Großstadt manchmal überfordert, kamen mir stetige Beschleunigung und zunehmende Anonymität trotz Millionen von Menschen auf engstem Raum in den Sinn.

Wenn Sie sich schon einmal in den Berliner öffentlichen Nahverkehr begeben haben, konnten Sie sicher auch beobachten, wie sich nahezu jeder mit seinem Smartphone beschäftigt und sich auf diese Weise von seiner Umgebung abkoppelt. Gleichzeitig hat die inzwischen so normal erscheinende Dauernutzung sozialer Medien zu einer geringeren Frustrationstoleranz geführt [Studie]. Die Aggressionen hängen heutzutage in der Luft wie der Atem einer durchfeierten Nacht im Techno-Club Berghain.

Dann der Kontrast, wenn ich gerade auf dem Land bin, um dort an meinem Haus zu renovieren. Man begegnet zwar kaum einem Menschen auf der Straße, aber Sie können sich sicher sein: Jeder weiß, dass ich da bin. In der Stadt könnte mein Nachbar von zehn Jahren vermutlich der Polizei nicht Auskunft darüber geben, ob ich gerade verreist oder doch nur im Büro bin und daher abends wiederkommen werde. In meinem Dorf hingegen gäbe es einige, die sogar die genaue Uhrzeit nennen könnten, zu der ich angekommen bin.

Und haben Sie manchmal auch das Gefühl, dass die Welt immer gleicher geworden ist? Vielleicht reisen Sie ja gerne – London, Paris, New York? Die baulichen Besonderheiten der Städte mögen sich noch unterscheiden, doch die Geschäfte, Restaurantketten, Bahnhöfe oder Flughäfen ähneln sich oft extrem. Manchmal, wenn ich in Berlin mit dem Auto im Stau stehe und die lange Schlange vor Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett auf dem Boulevard Unter den Linden sehe, frage ich mich: „Dafür sind diese Menschen also um die halbe Welt gereist? Um zu sehen, was es in Ihrem Land vermutlich ebenso gibt?“

Einerseits suchen wir also anscheinend alle das Vertraute. Andererseits erleben viele Menschen jedoch eine stille Verunsicherung.

Denn das, was wir kennen, wandelte sich in den letzten Jahrzehnten zu einem psychischen Phänomen. Unsere Sucht nach Konsum führte einst zur Globalisierung. Diese braucht Austausch, Vernetzung, Vielfalt. Sie führt jedoch auch zu existentiellen Fragestellungen: Wer bin „ich“ noch, wenn ich ständig Kopien meiner selbst begegne? Wo finde ich Zugehörigkeit, wenn sich Familien nur noch mithilfe eines gemeinsamen Nachnamens identifizieren, ihre Kinder jedoch ebenso wie ihre Ältesten in die Betreuung Fremder geben, um „frei“ zu sein? Was gibt Sicherheit in einer Millionenmetropole mit Menschen, die vor allem nach dem großen Kick suchen; mit Touristen, die meine Stadt als ihren Spielplatz betrachten, um dann bald wieder abzureisen; mit Expats, die die Anonymität schätzen, weil sie fern von daheim endlich tun und lassen können, was sie wollen – vermeintlich…?

Städte sind zu groß geworden; es braucht eigentlich viele kleinere Gruppen, um sich angenommen und geborgen zu fühlen. Vielleicht also suchen die „Stadtflüchtigen“ ja deshalb neue „Dörfer“ – reale oder im übertragenen Sinne – weil sie eine scheinbar verlorengegangene Identität wiederfinden möchten?

Wer heute die Stadt verlässt, folgt meiner Meinung nach nicht nur dem Traum vom eigenen Garten oder flieht vor Überfüllung und Staus. Häufiger dürfte es der Versuch sein, sich selbst, seine Familie, seine Werte neu zu verorten, ein Stück Heimat zu erschaffen in einer Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint.

„Raus aufs Land“ ist daher mehr als nur ein nettes Fernsehformat. Es trifft einen Nerv, es hält den Spiegel vor: Wer bin ich – und wie will ich wirklich leben? Denn vielleicht ist es ja gar nicht die Weite des Landes, die gesucht wird, sondern ein Stück seiner selbst?

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